achtsamkeit · familienleben

ZENsible elternschaft I: akzeptieren, was ist – durch achtsamkeit

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wir waren vor kurzem auf der hochzeitsfeier einer lieben freundin im herrlichen thüringer wald eingeladen. genau die reichweite vom e-flitzi, und die strecke kannte ich auch ganz gut, bis auf das letzte viertel etwa. da haben wir uns dann auch verfranst – obwohl ich mir die strecke im papiernen autoatlas ziemlich gut angesehen hatte. blöd war, dass ich dann wider besseren bauchgefühls von der strecke abwich, die ich vorher geplant hatte, weil das navi uns anders schicken wollte. „ach das navi wird’s schon wissen…“ das navi wusste aber leider nicht, dass baustellen und straßensperrungen auf dieser route lagen, und schon standen wir da und mussten improvisieren. so kamen wir eine stunde später als vorgesehen an, und die trauungszeremonie auf der wunderschönen bergwiese war schon so gut wie beendet.

klarer fall, sich da jetzt zu ärgern, brachte gar nichts mehr. im gegenteil – eine gute möglichkeit, das was ist, anzunehmen und nicht dem, was nicht (mehr) ist, nachzutrauern.

diesen geist des wohlwollenden akzeptierens versuche ich gerade wieder stärker zu kultivieren und insbesondere den blick dafür zu schärfen, was sich aus diesen nun ungeplant entstandenen situationen evtl. an positiven folgen ergibt. eine klassische buddhistische übung, zu der ich bereits vor längerer zeit in einem kleinen aber feinen basislehrbuch gelesen hatte. damals schon hatte ich spontan gefühlt, wie gut mir der gedanke tat, den moment loszulassen. so küchentisch-eso es klingt: wenn du die vergänglichkeit des moments akzeptieren kannst, ist der moment erst richtig schön. anders gesagt: mir ist schon vor jahren aufgefallen dass ich dazu neige (und viele von mir sehr geliebte menschen ebenfalls), bereits WÄHREND ETWAS SCHÖNES GESCHIEHT, darüber nachzudenken, dass dieser geliebte augenblick bald ein ende haben würde – und wie traurig das macht. nicht unbedingt akut traurig, aber doch irgendwie melancholisch-nostalgisch. dieses präventivtrauern ist etwas, was auch schon vor tausend jahren den buddhisten aufstieß, und auch, dass diese angewohnheit auf dauer anstrengend ist, ja emotionale erschöpfung hervorbringt. weil mensch quasi immer latent unzufrieden ist, sich heimlich wünscht, der herrliche moment solle eben NICHT vorbeigehen… und das ist, naturgemäß, unmöglich.

jetzt hat das älterwerden und ganz besonders das elternwerden die folge, dass subjektiv die zeit immer schneller verrinnt. seit die haselnuss bei uns ist, sind die wochen und monate gefühlt gerast, kaum war frühling, war der sommer schon wieder vorbei. klar, auch, weil dich die kleinen mäuse einfach so überfahren mit ihrer entwicklungsgeschwindigkeit, und auch extern ist ständig irgendwas, was den fokus auf fortschritt und weitersausen lenkt. u2, u3, u4, u5, kurse, krabbelgruppe, trallala.

auch familientreffen, feste und jahreszeitenereignisse werden anders wahrgenommen, wenn man ein neues kind hat, weil man mehr aufmerksamkeit bekommt: allen fällt immer auf wie doll sie schon wieder gewachsen ist, und ach die zähnchen! und JEDER findet es wichtig, dich darauf hinzuweisen, dass man doch unbedingt die babyzeit genießen soll, weil die werden ja so schnell groß. alles was ich dann immer denken kann ist „JA ALTER ICH WEISS!!! UND ICH WILL IRGENDWIE NICHT DASS SIE GROSS WIRD WEIL SIE SO EIN ULTRASÜßES BABY IST UND SO PERFEKT WIE SIE JETZT IST SOLL SIE IMMER BLEIBEN!!!!“

gleichzeitig kann man es paradoxerweise selbst nicht erwarten, dass sie den nächsten meilenstein erreichen. einmal, weil es gerade jetzt so SUCKT dass man schon wieder keinen schlaf bekommt wegen entwicklungssprung XYZ, und zweitens weil es halt doch einfach so spannend ist. drehen, sitzen, krabbeln, selber essen, plappern, mama sagen, aufstehen, davonlaufen… HAAAAAAAAAAAAAAAAALT!!!!

ich habe mich selber dabei erwischt, wie mich diese ambivalenten gefühle, diese zwei widerstrebenden kräfte in mir, die mir von quasi allen eltern von außen dann auch gespiegelt werden, immer mehr aus dem lot gebracht haben. ich meine, wir haben schon dafür gesorgt, dass wir viele tolle gemeinsame bleibende erinnerungen und erlebnisse mit der maus schaffen, klar, und in wundervollen bildern und filmen festgehalten haben wir sie auch (dass wir allerdings das babyalbum prokrastinieren, dazu woanders mehr)…

aber so richtig GENIESSEN, das was ist, AUSKOSTEN, ohne schon an morgen zu denken oder dem gestrigen nachzutrauern weil es nie mehr kommt, das fällt verdammt schwer. alles ist auf einmal so einmalig, das kommt nie wieder, das muss jetzt so richtig toll werden, und diesen kurs müssen wir auch noch mitnehmen…

da rollte manchen abends mehr als eine träne über meine wange auf schlafende babyaugenlider. sie wird groß sein, schulkind, abitur haben, bevor ich einmal auch nur piep sagen kann, und dabei haben wir doch so unendlich lang auf sie gewartet! und jetzt ist diese miese zeit so ein arsch und rast so dahin, dass wir nicht nachkommen. woran liegt das nur und kann man das ändern?

ja man kann. ich kann, wir alle können viel viel mehr im moment bleiben. das gehirn ist in gewisser weise ein trainierbarer muskel, oder weniger platt: je öfter wir eine bestimmte neuronale bahn benutzen, desto tiefer und breiter wird sie gespurt, die metaphorische denk-autobahn. das, was wir da tun, ist achtsam sein. ich bin kein großer fan des begriffs, weil er sehr oft falsch verstanden wird und außerdem (leider! völlig zu unrecht!) so einen leicht nervigen hipster-eso-beigeschmack hat. dabei bedeutet achtsam, oder englisch mindful, sein einfach nur dass man ganz aktiv den moment, den man gerade erlebt, mit möglichst vielen sinnen wahrnimmt und sich bemüht, nicht gedanklich abzuschweifen. klingt nach meditation? genau das ist ja auch eine der möglichkeiten, achtsamkeit zu üben. das englische wort mindfulness finde ich etwas passender, ich selbst würde, wenn die begriffe nicht bereits alle so etabliert wären, schlicht geistes-gegenwart dazu sagen. man kann das nicht den ganzen tag machen, sonst platzt einem das hirn, und man kommt zu nichts. aber es gibt viele viele (eltern-)tätigkeiten, die wir mehrmals täglich voll auf autopilot durchziehen, obwohl gerade dann besonders viel schönes zu erleben ist, und genau da kann man das ganz toll üben. gute beispiele sind pflegesituationen: stillen/füttern des kindes, anziehen/wickeln/abhalten, waschen/baden, aber auch einschlafbegleiten, spazierengehen/tragen, mit dem kind auto fahren; bei älteren kindern dann auch vorlesen, spielen (!!), wege gehen zum kiga etc.

wie das geht? ganz einfach: bevor du in die situation gehst, schon mal den blick scharf stellen und auf die vorhandenen sinneseindrücke richten; dann kann man z.B. einfach mal tief durchschnaufen um einen startpunkt zu setzen. wenn du mit der tätigkeit loslegst, erklärst du dem kind so genau wie möglich, was du tust. so bleibst du dabei und kommst nicht auf die idee, schon mal die einkaufsliste zu schreiben. bei tätigkeiten wo du dein kind nicht vollabern kannst und willst, konzentrierst du dich mehr auf die sinneseindrücke und kannst dabei auch noch besonders darauf achten (aha! da kommt das wort also her!), was in dir selbst gerade so vorgeht an körpervorgängen und gefühlen.

warum das so wichtig ist? achtsamkeitspraxis wirkt stark antidepressiv und extrem entspannend für den, der sie durchführt. seit ich das mache, merke ich, wieviel zauber in all diesen winzig kleinen routinen steckt, und was man da alles mit dem kind zusammen lernen und entdecken kann (auf dem wickeltisch schon mal in die hocke gegangen und den blickwinkel des kindes eingenommen? wieviele haare hat dein baby im ohr? wie duftet der fuß? streiche mal ganz bewusst über die haut der beine, wenn du dem kind die hose anziehst – fühlt sie sich nicht unglaublich toll an? bemühe dich, drauf zu achten, wie du dein kind anfasst – tust du es wirklich mit all der sanftheit und vorsicht, mit der du es bei so einem kleinen wesen tun solltest, wie du es auch gerne selbst an dir erleben würdest?) sich so zu konzentrieren, bewirkt aber auch im gegenüber eine starke beruhigung – und was kann es in all diesen beschriebenen situationen schöneres geben, als sie gemeinsam mit einem entspannten kind zu tun und nicht halb kämpfend gegen das kind?

dies im kopf zu behalten und sich immer wieder im alltag daran zu erinnern, dabei zu ertappen ob man schon wieder im ferngesteuerten modus fährt, führt bei mir inzwischen auch bei ganz vielen anderen dingen wie haushaltstätigkeiten, einkaufen, unterwegssein in öffentlichen verkehrsmitteln (haha, übrigens, ganz nebenbei auch bei kuscheln und sex!) etc. zu deutlich mehr zufriedenheit – buchstäblich mit jedem handgriff. die alltagsroutinen (nein, sex ist natürlich keine routine, dazu woanders mehr!) schätzt man plötzlich viel mehr und sie werden zu kleinen mini-abenteuern. genau das also, was ich mir gewünscht habe: im moment sein zu können, das besondere zu sehen, ohne sich ins gestern oder morgen oder übermorgen zu verlieren.

der alltag ist voller fantastischer möglichkeiten, das, was ist, anzunehmen und nicht dem, was nicht ist, nachzutrauern, denn es ist ja eh schon vorbei. im gegenteil, wenn man genau hinsieht und die perspektive auf „wohlwollend“ oder „erfinderisch“ scharfstellt, kann man aus jeder erstmal anstrengend erscheinenden situation etwas tolles herausholen, einen aspekt finden, der bemerkenswert und wunderbar daran ist. auf unserem wochenendtrip haben wir so plötzlich erkannt, dass wir mitnichten Zeit verloren sondern hinzugewonnen hatten (mehr zeit zu dritt als reisende Familie, mehr Zeit zum zweistimmig lustige Lieder singen oder ungestörte pärchen quality time, wenn das baby dann endlich pennt und man so viele themen besprechen kann). man bemerkt neue Skills an sich oder entdeckt neue orte, an die man sonst wahrscheinlich nie gekkommen wäre.

und wenn man die zeit, die man z.B. im verspäteten zug sitzt, nur nutzt um einmal tief durchzuschnaufen (so richtig, in den Bauch!), hat man sich schon mit minimalem aufwand was gutes getan.

akzeptieren ist, um das noch einmal herauszuheben, dabei aber keine resignation – das wird gerade aus buddhistischen texten oft falsch herausgelesen. akzeptanz ist ein aktiver geistesvorgang und führt oft (aber nicht zwingend) zu mehr zufriedenheit und lebensfreude. resignation ist etwas passives, wir geben auf, obwohl wir eigentlich merken, dass es einen anderen weg gäbe. poetischer könnte man sagen, um etwas loszulassen, muss ich auch die hand öffnen, so wie sich eine blume öffnet.

kennt ihr dieses „voraustrauern“, und wie geht ihr damit um? als eltern und nicht-eltern? übt ihr euch in geistes-gegenwart bzw. achtsamkeit, und auf welche weise, was sind eure tips und lieblingsmomente zum trainieren?

eine freundin hat mir einen sehr wohltuenden satz dazu geschrieben: „das gefühl kenne ich so gut! seit die kinder da sind, erlebe ich das jeden tag aufs neue – jeder tag ist der, an dem ich am liebsten die zeit anhalten würde weil sie genau JETZT so sind wie ich sie für immer behalten möchte. aber dann kommt morgen, und es ist noch viel viel schöner. vertrau mir.“

vertrauen wir alle dem leben ein bisschen mehr – dass es uns genau das morgen bringt, was gut und richtig ist, genau die aufgabe an der wir wachsen können oder die begegnung, die uns berührt. schwimmen wir mit im fluss der lebenszeit, und erleben wir diesen sekundenbruchteil namens gegenwart bewusster, dann ist wirklich der weg das ziel.

dieser text ist der erste in einer serie über buddhistische ideen als grundlage und anregungen für ein liebevolles bedürfnisorientiertes familienleben. dabei beziehen wir uns inhaltlich aber nicht streng auf den zen-buddhismus sondern auch auf andere strömungen und auch verwandte moderne philosophische ansätze. 

zum weiterlesen:

https://tinybuddha.com/blog/the-power-of-acceptance-stop-resisting-and-find-the-lesson/

https://medium.com/@phdconfidential/getting-buddhism-right-how-to-think-about-acceptance-and-suffering-bcb8b103d5dc

https://secularbuddhism.com/acceptance-vs-resignation/

https://zenstudiespodcast.com/zenacceptance/

von herzen empfehlenswert und wahrer seelenbalsam, nicht nur zu diesem thema, ist auch das buch Buddhism for Mothers 

speziell zu achtsamer (und damit gewaltfreier!) elternschaft schreibt z.B. susanne mierau:

https://geborgen-wachsen.de/2019/08/27/kooperationsfaehigkeit-von-kindern-in-pflegesituationen/

https://geborgen-wachsen.de/2019/02/27/achtsame-elternschaft/

https://geborgen-wachsen.de/2015/02/10/keine-wickelkaempfe-anleitung-zur-achtsamen-koerperpflege-im-alltag/

und für mich täglich eine bereicherung: einfach jeder artikel der wundervollen anna brachetti auf instagram

 

[disclaimer: werbung da buchtitel-nennung und verlinkung auf webseiten, die kommerzielle inhalte anbieten, ohne dass die autorin* daraus einen vorteil hatte]

 

 

 

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